Die im April veröffentlichten Exportzahlen der Schweizer Uhrenindustrie zeichnen ein verhaltenes Bild. Vor allem die schwächelnde Nachfrage auf dem amerikanischen Markt hat die Bilanzen vieler Hersteller spürbar belastet. Doch wer die Statistiken genauer liest, erkennt inmitten dieser herausfordernden Phase einen beispiellosen Lichtblick: das rasant wachsende Geschäft in Indien.

Von Januar bis April erreichten die Exporte von Schweizer Uhren auf den Subkontinent ein Volumen von 111 Millionen schweizer Franken (140 mios $) – ein massiver Anstieg von 40 Prozent innerhalb nur eines Jahres. Mit diesem beispiellosen Erfolg hat sich Indien inzwischen zum 15. größten Markt für Schweizer Uhrenhersteller entwickelt. Innerhalb weniger Monate ließ das Land etablierte Nationen wie Spanien, Saudi-Arabien, Kanada und die Niederlande hinter sich. Als Uhrenexpert wage ich eine Prognose: „Bis Ende des Jahres wird Indien der zwölftgrößte Markt für Schweizer Marken sein – ein phänomenaler Anstieg in den letzten zwei Jahren.“

Dieser Boom rückt unweigerlich jene Akteure in den Fokus, die solche Erfolge vor Ort erst möglich machen. Die wahren Treiber der Branche sind oft nicht die glänzenden Exponate in den Vitrinen, sondern die strategischen Distributoren. Ein zentraler Akteur auf diesem Parkett ist das Unternehmen Helios Luxe, das sein Netzwerk an High-End-Boutiquen in Indien derzeit deutlich ausbaut. Erst kürzlich sorgte Helios Luxe in der Branche für Schlagzeilen, indem es alle wichtigen Vertreter der Uhrenindustrie für drei Tage in Genf empfing – ein klares Signal für das neue Selbstbewusstsein des indischen Marktes.

Es ist eine paradoxe Situation in der Horlogerie: Distributoren bleiben der breiten Öffentlichkeit meist völlig unbekannt, und doch sind sie für die Marken die wichtigsten Partner, da sie den Absatz der Schweizer Uhren im Ausland garantieren. Während die meisten von ihnen die Diskretion bevorzugen und die Medien meiden, bot sich in Genf die seltene Chance, fast eine Stunde lang mit Rahul Shukla, dem Kopf hinter Helios und Helios Luxe, zu sprechen.

Das Treffen fand an einem der exklusivsten und geheimnisvollsten Orte Genfs statt, der Nowhere Society. Angesichts der üblichen Zurückhaltung seiner Branchenkollegen war meine erste Frage direkt:

Herr Shukla, normalerweise sind Distributoren sehr diskret. Warum treten Sie dieses Jahr in Genf so präsent auf? Shukla erklärte, dass es heute nicht mehr ausreicht, Uhren nur physisch zu verteilen. Um in einem Markt wie Indien erfolgreich zu sein, müsse man „Brand Love“ aufbauen – also Begehrlichkeit und Respekt für die Marke schaffen. Er sei in Genf, um die Geschichten der Marken direkt von den Gründern zu erfahren und diese Erzählungen in den indischen Markt zu tragen. Das Ziel seien langfristige, strategische Partnerschaften und nicht rein transaktionale Beziehungen.

Wie steht es derzeit um den Uhrenmarkt in Indien und in Ihren Geschäften? Der indische Markt befindet sich in einer tiefgreifenden Transformation. Aktuell wird das Marktvolumen auf etwa 2,1 Milliarden CHF geschätzt. Während der Gesamtmarkt um etwa 17 bis 18 Prozent wächst, verzeichnet das Segment des „Accessible Luxury“ ein jährliches Wachstum von 23 Prozent. Shukla betonte stolz, dass Helios Luxe in diesem Bereich sogar um 46 bis 47 Prozent wächst.

Wie erklären Sie sich ein solches Wachstum und wie lauten Ihre Prognosen? Das Wachstum wird durch eine massive wirtschaftliche Expansion und den zunehmenden Wohlstand der Mittelschicht getrieben. Hinzu kommt eine junge, digitalaffine Bevölkerung – etwa 65 Prozent der Inder sind unter 35 Jahre alt. Heute gelten rund 180 Millionen Menschen als Lifestyle-Konsumenten. Shukla prognostiziert, dass sich das wohlhabende Kernsegment von derzeit 30 Millionen bis 2030 auf 60 Millionen Menschen verdoppeln wird. Der Gesamtmarkt für Uhren könnte bis dahin auf 5 Milliarden CHF ansteigen.

Welche Rolle spielt das schweizerisch-indische Freihandelsabkommen bei diesem spektakulären Wachstum? „Das Freihandelsabkommen ist für uns ein entscheidender Hebel. Wir haben erlebt, wie die Zölle von 22 Prozent auf bereits etwa 15 Prozent gesunken sind – mit dem Ziel von null Prozent in den nächsten sieben Jahren. Wir geben diese Ersparnis jedoch nicht als Rabatte weiter; wir reinvestieren sie massiv in den indischen Markt: in unser Storytelling, in die Sichtbarkeit an Flughäfen und in prominente Markenbotschafter. Das hat dazu beigetragen, dass sich die Schweizer Exporte verdoppelt haben.“

Sie lancieren mit Helios Luxe ein neues Ladenkonzept. Was ist der Grund dafür und sind Schweizer Uhren für dieses Format reserviert? Helios Luxe wurde geschaffen, um dem Bedürfnis nach „Storytelling“ und kuratierten Erlebnissen gerecht zu werden. Von derzeit 10 Boutiquen soll das Netz kurzfristig auf 35 und langfristig auf 100 Standorte wachsen. Während das breitere Helios-Netzwerk mit 281 Läden das Einstiegssegment abdeckt, konzentriert sich Helios Luxe auf den Bereich zwischen 1.000 und 5.000 CHF. Schweizer Marken spielen hier eine zentrale Rolle: Ihre Exporte nach Indien könnten in den nächsten fünf Jahren von 300 Millionen auf bis zu 700 Millionen CHF steigen. Shukla interessiert sich besonders für Marken mit starker Identität, wie Rado, Tissot oder Frédérique Constant, aber auch für unabhängige Häuser wie Alexander Shorokhoff.

Was bedeutet eine Luxusuhr für den indischen Konsumenten heute? Der Fokus hat sich vom reinen Status zum Ausdruck der eigenen Identität verschoben. „Eine Smartwatch zeigt, was man tut. Eine analoge Uhr zeigt, wer man ist“, so Shukla. Zudem spielt die Kultur des Schenkens eine enorme Rolle: Etwa 60 Prozent der Uhren werden für Anlässe wie Hochzeiten oder Feste gekauft. Dabei werden Farben und Materialien wie Gelb- oder Roségold besonders geschätzt.

Am Ende des Gesprächs stellt sich eine letzte, fast beiläufige Frage: Wird man ihn nächstes Jahr wieder in Genf sehen? Shukla lächelt. Indien sei gekommen, um zu bleiben – und Genf bleibe der Ort, an dem sich die Branche treffe. Die Wahrscheinlichkeit ist also hoch, dass sich die Wege erneut kreuzen werden.

Nicolas Rossé

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