Die Elektrifizierung der Schweiz nimmt Fahrt auf: Immer mehr Photovoltaik, Wärmepumpen und Elektrofahrzeuge lassen Erzeugung und Verbrauch im Verteilnetz steigen. Für die Verteilnetzbetreiber bedeutet das enorme Investitionen – und die Frage, wie viel davon wirklich nötig ist.
Verteilnetzstudien zeichnen ein deutliches Bild: Bis 2050 belaufen sich die zusätzlichen Ausbaukosten für die Schweizer Verteilnetze im Basisszenario auf rund 30 Milliarden Franken. Im ungünstigsten Szenario – das angesichts des Fachkräfte- und Ressourcenmangels als kaum realisierbar gilt – wären es sogar bis zu 66 Milliarden. Gleichzeitig dürfte die Spitzenlast im gesamten Stromnetz von rund 24 auf etwa 31 Gigawatt steigen. Erste Engpässe werden lokal in der Nieder- und Mittelspannung bereits zwischen 2030 und 2035 erwartet.
Reiner Netzausbau in diesem Umfang ist weder finanzierbar noch in der verfügbaren Zeit umsetzbar. Für die überwiegend kantonalen und kommunalen Eigentümer der Netze stellt sich damit eine klare Aufgabe: den Ausbaubedarf senken, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden.
Vom Ausbau zur Optimierung: das NOVA-Prinzip
Genau in diese Richtung weist die neue Flexibilitätsregulierung, die seit 1. Januar 2026 in Kraft ist. Sie verankert das NOVA-Prinzip im Stromversorgungsgesetz (StromVG): Netzoptimierung vor Verstärkung vor Ausbau. Verteilnetzbetreiber sollen künftig also erst prüfen, ob sich ein Engpass durch bessere Nutzung des bestehenden Netzes und durch Flexibilität lösen lässt – bevor sie in neue Leitungen und Transformatoren investieren.
Zusätzlich erhalten die Netzbetreiber das Recht, Flexibilität netzdienlich einzusetzen, etwa um Einspeisung in kritischen Situationen vorübergehend abzuregeln. Aus einer Kann-Option wird damit eine regulatorische Erwartung – und der Nachweis gegenüber der Regulierungsbehörde ElCom gehört dazu.
Der Hebel: Daten und Flexibilität
Dass sich damit viel Geld sparen lässt, zeigt die Forschung. Eine Untersuchung der ETH Zürich kommt zum Ergebnis, dass sich der Investitionsbedarf in manchen ländlichen Netzen durch lokale Flexibilität und regelbare Ortsnetztransformatoren um bis zu rund 47 Prozent senken lässt; in städtischen und halbstädtischen Netzen sind es immer noch 15 bis 16 Prozent.
Der Schlüssel dazu ist Transparenz: Wer weiss, wo im Netz wie viel Kapazität frei ist und wann Engpässe drohen, kann gezielt eingreifen, statt vorsorglich überall auszubauen. Voraussetzung ist ein belastbares, digitales Abbild des eigenen Netzes – mit aktuellen Daten, verlässlichen Prognosen und der Möglichkeit, verschiedene Ausbau- und Flexibilitätsvarianten durchzurechnen.
Und hier liegt für viele Verteilnetzbetreiber die eigentliche Hürde: Netzdaten sind oft über verschiedene Systeme verteilt, nicht immer aktuell und selten so aufbereitet, dass sich Szenarien schnell simulieren lassen. Ohne diese Grundlage bleibt das NOVA-Prinzip Theorie.
Optimieren statt Bauen – digital ermöglicht
Genau hier setzen digitale Netzmodelle an. Auf Basis eines digitalen Zwillings des Verteilnetzes lassen sich freie Kapazitäten automatisiert bewerten, künftige Engpässe frühzeitig erkennen und Ausbaumaßnahmen mit dem Einsatz von Flexibilität vergleichen. So wird sichtbar, wo ein Ausbau wirklich nötig ist – und wo sich Investitionen aufschieben oder ganz vermeiden lassen.
Die Intelligent Grid Platform (IGP) von envelio bringt Netzplanung und Netzbetrieb auf einem gemeinsamen digitalen Netzmodell zusammen. Mit der automatisierten Zielnetzplanung können Verteilnetzbetreiber verschiedene Ausbaupfade vergleichen und die wirtschaftlichste Variante wählen – im Sinne von NOVA. Mehr als 90 Netzbetreiber in Deutschland und Europa, darunter Kunden in der Schweiz, setzen die Plattform bereits im produktiven Betrieb ein.
Fazit
Die 66-Milliarden-Frage entscheidet sich nicht allein an Leitungen und Transformatoren, sondern zunehmend an Daten und Prozessen. Das NOVA-Prinzip macht Optimierung und Flexibilität zur regulatorischen Leitlinie – und die Studien zeigen, dass darin ein Sparpotenzial in Milliardenhöhe steckt.
Wer heute in belastbare Netzdaten und digitale Planung investiert, verschafft sich Spielraum. In einem Demo-Termin zeigen wir, wie sich Netzausbau, Netzplanung und Betrieb digital verbinden lassen – und wie sich der Ausbaubedarf gezielt senken lässt.
